Jul 282011
 

 

Weltmacht USA: kein Nachruf – zur Schuldengrenze in den USA 

Was ist das für ein Wahnsinn, den die US-Politiker-Elite sich leistet? Seit Wochen diskutieren die Damen und Herren und suchen nach einer „Lösung“. Was für eine Show! Diese Politiker sind wie es scheint schuld , dass die USA derzeit auf eine Zahlungsunfähigkeit zusteuern, wie auch der Economist konstatiert http://www.economist.com/node/18988614. Oder nicht? Die Nervosität wird jedenfalls größer, was sich in den Ausfallwahrscheinlichkeiten für US-Staatsanleihen zeigt, die im 1-Jahresbereich erstmals höher sind als im 5-Jahresbereich http://pragcap.com/politics-vs-economics , sowie in nervösen Aktien- und Rentenmärkten und einem selbst gegen den arg gebeutelten Euro schwachen USD zuletzt zeigt. Leichtfertig wird ein weiterer Einbruch an den Finanzmärkten wie nach Lehman im Jahr 2008 riskiert! Freilich würde erst die Nicht-Bedienung einer US-Staatsanleihe ein Erdbeben auslösen. Die Auswirkungen wären weitaus verheerender, als nach dem Lehman-Kollaps. 

Und es gibt einige Gründe, die immer wieder an der US-Bonität zweifeln lassen. Zuerst haben sich die Unternehmen verschuldet, dann die Bürger, nun der Staat. Das ist kein neues Phänomen, auch wenn die Auseinandersetzung aktuell sehr akut ist.  Denn eigentlich war die Grenze von 14.294 Mrd. USD schon im Mai erreicht und wurde nur „Bilanztricks“ bis zum 02. August gerettet. Auch wenn einige Bundesstaaten, z.B. Kalifornien, von den Ratingagenturen schon längst als kreditunwürdig bezeichnet werden. Anders als z.B. in Deutschland der Staat für das Bundesland Bremen (nur daher ist ein Triple-AAA haltbar), haften die USA nicht für ihre Bundesstaaten. 

Lange standen die USA für Vorzeige-Kapitalismus, wenn auch mit „Extremen“: Liberale Strukturen, nach denen sich Unternehmer andernorts sehnen und eine gigantische Kaufkraft durch eine konsumfreudige Bevölkerung. Die Achillesferse des Konzeptes: die Finanzierung auf Pump. Und nun verlieren vor allem die US-Bürger ihr größtes Kapital – das Vertrauen in die eigene Unantastbarkeit, die unbedingte Überzeugung, dass alles geht. Rückschläge, wie das Platzen der Internetblase, wurden schnell in „Chancen“ umgewandelt. Nicht ohne Grund stand von John F. Kennedy der prägnante Satz:   „The Chinese word for crisis, Wei Ji, is a compound of the characters for Danger (Wei), and Opportunity (Ji)“ – Das Wort Krise setzt sich im Chinesischen aus zwei Schriftzeichen zusammen, das eine bedeutet Gefahr und das andere Gelegenheit. 

Entsprechend sieht die Mehrheit der US-Bürger auch nicht mehr die USA, sondern China als die führende Wirtschaftsmacht. Indes: Rein nach der volkswirtschaftlichen Zahlenlehre dauert es noch ein wenig, bis dahin. Auch Innovationen, ein weiterer zentraler Faktor für den Aufstieg des US-Imperiums, Innovationen alleine reichen nicht mehr. Denn die US-Unternehmen verlieren in weiten Teilen den Anschluss:   http://www.wiwo.de/politik-weltwirtschaft/amerika-verliert-den-anschluss-474429/ 

Aber wer ist eigentlich schuld daran, dass die USA weiterhin das Schulden-Modell fortfahren, um einen nicht vorhandenen Sozialstaat zu subventionieren? Vor allem ist das Ausgabenproblem in Wirklichkeit – und das ist bedenklicher –  mehr ein Einnahmenproblem http://www.businessinsider.com/chart-of-the-day-washingtons-revenue-problem-2011-7?utm_source=Triggermail&utm_medium=email&utm_term=Money%20Game%20Chart%20Of%20The%20Day&utm_campaign=Moneygame_COTD_072511 

Und dennoch gilt auch hier Kennedys Satz und die aktuelle Gefahr für US-Anleihen ist, zumindest kurzfristig, auch eine Chance, die kurzfristig agierende Investoren nutzen können! In Anlehnung an den Bestseller von Emmanuel Todd http://de.wikipedia.org/wiki/Emmanuel_Todd#.E2.80.9EWeltmacht_USA_-_Ein_Nachruf.E2.80.9C  gilt also zunächst erstmal: Weltmacht USA: kein Nachruf.

Was denken Sie? Welche Aspekte gibt es, die im Hinblick auf die USA zuversichtlich stimmen?

 

 

 

Jul 222011
 

DB Research hat eine sehr interessante Präsentation zur Staatsverschuldung veröffentlicht. Die Abhängigkeit von ausländischen Gläubigern war schon immer Auslöser von Schuldenkrisen. Dies ist auch ein wesentlicher Grund, warum es in Japan bisher eben nicht zu einer solchen kam. Dies veranschaulicht sehr schön diese Übersicht:

Quelle: DB Research

Die „Risiko-Matrix für die Staatsverschuldung“ auf Seite 10 zeigt, warum der Schweizer Franken als Fluchtwährung weiterhin erste Wahl ist. Auch lässt die Übersicht den Schluss zu, dass in Europa Belgien negativ in den Fokus rücken könnte, zumal das Land seit über einem Jahr in einer politischen Krise steckt und somit nahezu handlungsunfähig ist.

Auch die Prognose eines sehr langsam aber steigenden Realzinses in den Industrieländern (Seite 14) bis 2020 lässt aufhorchen, denn sollte dies so kommen, dürften die Edelmetalle nicht mehr viel Preissteigerungspotenzial haben. Dies steht in krassem Gegensatz zum aktuellen Sentiment.
Quelle: DB Research

Unbedingt anzuschauen ist auch Seite 18, auf der ein „Schock-Szenario“ dargestellt ist: Wohin gehen die Schuldenquoten, wenn die Zinsen stärker als erwartet steigen? Es würde primär die bereits bekannten „Verdächtigen“ treffen: Griechenland, Portugal, Irland und Italien. Aber auch für die USA würde dies eine markante Sonderbelastung darstellen.

Ein wichtiges Ergebnis der Analyse: „Ein Schuldenabbau auf ein dauerhaft tragfähigeres Niveau ist derzeit (noch) in weiter Ferne“.

Die kommenden Jahre werden demnach in allen westlichen Ländern gekennzeichnet sein durch harte Sparmaßnahmen („Deleveraging“) und steigende Steuern und Abgaben, was klar deflationär wirkt. Wie Griechenland jedoch gezeigt hat, lassen sich derartige Anstrengungen nur bedingt in Demokratien umsetzen. Das Thema Staatspleite wird uns daher vermutlich dauerhaft erhalten bleiben. Und auch der Unmut in den Bevölkerungen wird weiter zunehmen. Das große Risiko ist, dass aus dieser Kombination etwas erwächst, was sich historisch in ähnlichen Phasen immer wieder gezeigt hat: eine Tendenz zu externen und internen Kriegen.

Jun 282011
 

Mitte März stellten wir hier die Frage, ob Japan eine Schuldenkrise drohe. Die Societe Generale ist nicht nur der Ansicht, dass die japanische Wirtschaft vor einer V-förmigen Erholung steht, sondern auch, dass Japan „zu reich für einen Bankrott“ ist:

Quelle: Societe Generale

Tatsächlich steht der immensen japanischen Staatsverschuldung (218,6% des Bruttoinlandsprodukts) ein gewaltiges Vermögen der Haushalte entgegen. Schon im Jahr 2000 warnte DB Research vor einer Schuldenfalle in Japan. Bislang ist es nicht dazu gekommen, weil Japan – wie die USA – primär in der eigenen Währung verschuldet ist, diese weiterhin autonom begibt (wichtiger Gegensatz zur Eurozone) und die Gläubiger vorrangig die eigenen Bürger sind. Eine echte Schuldenkrise droht Japan demnach erst dann, wenn die eigenen Bürger das Vertrauen in den Staat und die Währung verlieren.

Mai 062011
 

Für Aufsehen sorgte Anfang April die Nachricht, dass der „Anleihenguru“ der Allianz-Tochter Pimco Bill Gross short in US-Bonds sei. Wie so oft wenn große Player ihre vermeindliche Positionierung publik machen, kam es seit dem genau zur gegenteiligen Entwicklung: die US-Bonds stiegen. Doch wie ist das möglich? Wie kann es sein, dass US-Anleihen trotz der ausufernden Verschuldung und der Diskussionen über das Ende des US-Dollar zulegen?

Wichtig zu sehen ist, dass weltweit genau wegen der exporbitanten Verschuldung auch entsprechende Vermögen vorhanden sind, die Anlage suchen. Und es gilt nach wie vor, dass der US-Anleihenmarkt der größte und liquideste Anlagemarkt der Welt ist. Zudem waren die Börsen und Rohstoffe jüngst exzellent gelaufen. Es hatte sich eine Blase bei den Inflationserwartungen gebildet, welche jüngst durch schwache Wirtschaftsdaten aus den USA und der EU zumindest einen Knacks bekommen hat. Wir haben in unserem kaufkraftschutz-Twitter-Feed mehrmals insbesondere auf die Risiken bei Silber hingewiesen, das dieser Blase Ausdruck verlieh.

Vieles spricht dafür, dass die kommenden Monate eher wieder deflationär geprägt sein werden, weshalb Anleihen noch gesucht sein dürften. Doch wenn man einen Blick auf die langfristige Entwicklung der US-Zinsen wirft, deutet sich eine Bodenbildung an. Die Zinsen dürften tendenziell ab Ende 2012 ihren Anstieg beginnen, die Anleihenmärkte dann in einen nachhaltigen Bärenmarkt übergehen. Für Sachwerte wird dies generell eher negative Implikationen begründen, was jedoch durch die zu erwartende Reaktion der Politiker und „Wirtschaftslenker“ kompensiert werden dürfte.

Mrz 232011
 

„Also, wer erwartet, dass in der Welt die Teufel mit Hörnern und die Narren mit Schellen einhergehen, wird stets ihre Beute, oder ihr Spiel sein, sinniert Schopenhauer in einem seiner Aphorismen. Der Teufel scheint also nicht sofort erkennbar oder durchschaubar zu sein. Oder doch?

So sind die Worte von Bill Gross, dem Chef des weltweit größten Anleihemanagers Pimco mit dem Titel „Pakt mit dem Teufel“ durchaus sehr „markig“ – aber Gross lässt seinen Worten auch Taten folgen und verkauft alle (!) US-Staatsanleihen aus seinen Portfolien.

Stellen Sie sich bitte für einen Moment vor, Sie wären Fondsmanager für Staatsanleihen. Sie analysieren den Markt für Staatsanleihen. Ihre Investoren erwarten von Ihnen, dass Sie einen Mehrwert gegenüber Vergleichsindizes erreichen – denn dafür bezahlen Ihre Investoren Sie! Also suchen Sie nach Staaten mit guter Bonität, verfassen Auswertungen, verfolgen mit Argusaugen die Anleihemärkte. Akribisch durchforsten Sie Ihr Investment-Universum. Doch etwas läuft falsch im Staate Bondimplodum. Sie stellen fest, dass

  • fast alle für Ihre Investmentuniversum relevanten Staaten stark überschuldet sind und diese das Gros der Staatsanleihen abbilden
  • die USA als das Schwergewicht im Anleiheuniversum besonders  überschuldet sind, gerade zu lebensbedrohlich verschuldet

Nun stellen Sie sich als Fondsmanager die Frage: Soll ich so mutig sein und von der Benchmark, die gespickt ist mit US-Anleihen, abweichen? Immerhin sind die USA im Vergleichsindex mit einem Drittel gewichtet!

Die Branche ist hart – wenn ich mit meiner Abweichung falsch liege, geht es mir schnell an den Kragen. Abweichungen von der Norm werden in meiner Brache in der Regel nicht gedankt. Sie denken viel nach, zermartern sich, können nicht schlafen. Und doch, sie kommen trotz aller Bedenken zum Schluss: ich werde die USA unter gewichten. Nein, es ist noch schlimmer! Ich  weiß, ich verwalte den größten Anleihe-Fonds der Welt und weiß um die Wirkung meiner Handlungen, aber ich muss alle (!) US-Staatsanleihen verkaufen!

In der Tat: Der Schuldenberg von 14 Bio. (14.000.000.000.000) US-Dollar erscheint einfach zu groß, als dass die USA das zurück zahlen können- wenn sie es überhaupt wollen. Dabei ist der größte Geldgeber durch Anleiherückkäufe inzwischen übrigens die amerikanische Zentralbank (im letzten halben Jahr stieg das Volumen von 423 Mrd. auf 1.177 Mrd. Dollar).

Insofern hat Schopenhauer Recht: der Teufel des Staatsbankrottes zeigt sein Antlitz nicht direkt, sondern agiert versteckt und subtil. So findet Gross auch deutliche Worte, wer davon betroffen sein wird: „und diejenigen Anleger, die am meisten darunter leiden müssen, sind die kleinen Sparer oder die Versicherungsunternehmen, die ihr Kapital in langfristigen Anleihen angelegt haben. Anleihebesitzer haben sozusagen einen Pakt mit dem Teufel geschlossen.

Sie müssen diesen Pakt jedoch nicht schließen! Im Gegenteil, Sie müssen nicht einmal der „arme Fondsmanager“ sein, der seine Gelder nur in Anleihen investieren und dort derzeit zwischen Pest und Cholera wählen kann. Nein, Sie haben die Möglichkeit, sich so breit wie möglich aufzustellen – sprechen Sie uns an!

Jan 242011
 

Heute vor exakt 299 Jahren wurde Friedrich der II., genannt „der Große“, geboren. Vom „alten Fritz“ stammt das Bonmot: „Die große Kunst besteht nur darin, die Steuern zu erheben, ohne die Staatsbürger zu bedrücken.“ Ein Schelm, wer dabei an staatliche Entschuldung durch Inflation denkt?

Im Moment ist das Thema Staatsverschuldung ein sehr stark beachtetes Thema an den Finanzmärkten. Die aktuelle Verschuldung ist allerdings unter dem Strich „nur“ so hoch wie nach den beiden Weltkriegen. Nur:  dieses Mal gab es keinen teuren, zerstörerischen Krieg. Wir erleben rückläufige Steuereinnahmen bei weiter massiv steigenden Staatsausgaben, was durch die  immer stärker werdende Krise des Sozialstaates aufgrund einer mehr und mehr überalternden Bevölkerung noch verstärkt wird. Also Inflation als einziger Ausweg?

Mitte der 1990er Jahre hat der Schuldenstand Kanadas mit fast 100% des BIP seinen Höchststand erreicht – und das bei einer Inflation von nur knapp über 0%. Auch danach stieg die Inflation nicht deutlich an und trotzdem gelang es Kanada, seine Staatsschulden erheblich zu senken, weit unter 70% des BIP. Von Staaten gewünschte Inflation muss also keinesfalls das generelle Erfolgsrezept zur Entschuldung sein. Zumal steigende Inflationserwartungen die Zinsen tendenziell in die Höhe treiben und damit auch die Refinanzierungskosten steigen.  Allerdings mussten in der Vergangenheit nie so viele bedeutende Industrienationen gleichzeitig konsolidieren. So haben sich etwa in den USA in den letzten 9 Jahren die Schulden zum BIP verdoppelt! Provokativ formuliert: Die USA und ihre Staatsanleihen als „sicherer Hafen“ erscheinen derzeit so sicher, wie der letzte historisch sichere Hafen der USA: Pearl Habour.

Steigende Zinsausgaben können schlichtweg künftiges Wirtschaftswachstum bremsen; insofern liegt Keynes in dem Punkt falsch, dass steigende Verschuldung zwangsläufig die Wirtsschaft ankurbelt. Bereits 1997 stellte die Bundesbank (!) fest: „Damit nährt sich die Verschuldung aus sich selbst heraus.“ Prominentes Beispiel: Japan, das eine Staatsverschuldungsquote von 226%  des Bruttoinlandsprodukts (BIP) aufweist und damit selbst Griechenland mit 123% und Italien mit 112% deutlich in den Schatten stellt (an 4. Stelle folgen dann schon die USA). 1960 lag der Anteil der Staatsausgaben am BIP in Europa noch in einem kleinen, überschaubaren Korridor von 20% (damals Spanien…) bis 36% (Österreich). Wie die Zeiten sich ändern, nicht nur auf Spanien bezogen, sondern vor allem darauf, dass heute keines (!) der 27 EU-Länder mehr unter 40% liegt! Die Schuldenkrise verschärft sich von selbst. Ausufernde Ausgaben müssen durch eine immer höhere Kreditaufnahme gedeckt werden.

Eine weitere Möglichkeit von Staaten, sich – vordergründig – zu entschulden ist, dass sie ihr Tafelsilber verkaufen, so wie z.B. Mexiko oder Russland an die USA im 19 Jahrhundert.  Oder die französische Kolonie Louisiana im Jahr 1803, die für auch damals recht bescheidene 80 Mio. Franc (15 Mio. US-Dollar) an die USA ging. Indes:  Auch in Deutschland werden derzeit beispielsweise Seen an Privatinvestoren verkauft, Immobilien veräußert usw. Verbessert sich damit die staatliche Bilanz? Mitnichten. Schließlich gehen die Vermögenswerte ja auch dauerhaft verloren und damit, ganz nebenbei, auch noch mögliche künftige Pacht- und Mieterträge.

Es wird demnach nicht ohne Einschnitte für alle gehen. Es gibt kein Entrinnen. Zentraler als die Frage welche „Lösung“ für die Staatsverschuldung kommen wird ist eher, wie erreicht wird, dass dieser Prozess möglichst „fair“ gestaltet wird – und zwar sowohl innerhalb als auch zwischen den Staaten. Keynes bietet dafür jedenfalls keine Lösung.