Feb 082013
 

So sieht es zumindest Harvard-Ökonom Martin Feldstein in einem Gastbeitrag in der „Wirtschaftswoche“. Nach seiner Ansicht führt das Ansteuern einer Inflationsrate von zwei bis drei Prozent unweigerlich zu höheren Kreditzinsen, was den Staatshaushalt enorm belasten würde.

In der Tat hat sich Japan auf einen gefährlichen Pfad begeben. “Die japanischen Banken und Versicherungen haben in etwa das Neunfache ihrer Eigenkapitalbestände in japanische Staatsanleihen investiert. Bei einem Kursrückgang der Staatsanleihen um nur 10% (das würde einem Zinsanstieg auf 2,0% für 10-jährige Anleihen entsprechen) wären japanische Banken und Versicherungen quasi konkurs.” schrieb Jens Erhardt in der jüngsten Ausgabe der „Finanzwoche“.

Insofern können wir durchaus erneut fragen: Steht Japan vor einer Schuldenkrise? Genau darauf wettet zum Beispiel in großem Stil Hedgefondsmanager Kyle Bass, der den Yen weiter stark fallen sieht. Es gibt zwar durchaus auch gute Argumente dafür, dass Japan nicht vor einem Staatsbankrott steht, doch eine Währungskrise und Kapriolen an den Anlagemärkten sind nicht auszuschließen. Dies haben wir in diesem Beitrag frühzeitig antizipiert: Verliert die Bank of Japan die Nerven?

Vieles spricht dafür, dass sich der Krisen-Fokus nun nachhaltig von Europa nach Japan verschiebt. Kurzfristig ist das Thema aber schon medial recht präsent, sodass zunächst eine „Gegenbewegung“ zu erwarten ist.

Jul 282011
 

 

Weltmacht USA: kein Nachruf – zur Schuldengrenze in den USA 

Was ist das für ein Wahnsinn, den die US-Politiker-Elite sich leistet? Seit Wochen diskutieren die Damen und Herren und suchen nach einer „Lösung“. Was für eine Show! Diese Politiker sind wie es scheint schuld , dass die USA derzeit auf eine Zahlungsunfähigkeit zusteuern, wie auch der Economist konstatiert http://www.economist.com/node/18988614. Oder nicht? Die Nervosität wird jedenfalls größer, was sich in den Ausfallwahrscheinlichkeiten für US-Staatsanleihen zeigt, die im 1-Jahresbereich erstmals höher sind als im 5-Jahresbereich http://pragcap.com/politics-vs-economics , sowie in nervösen Aktien- und Rentenmärkten und einem selbst gegen den arg gebeutelten Euro schwachen USD zuletzt zeigt. Leichtfertig wird ein weiterer Einbruch an den Finanzmärkten wie nach Lehman im Jahr 2008 riskiert! Freilich würde erst die Nicht-Bedienung einer US-Staatsanleihe ein Erdbeben auslösen. Die Auswirkungen wären weitaus verheerender, als nach dem Lehman-Kollaps. 

Und es gibt einige Gründe, die immer wieder an der US-Bonität zweifeln lassen. Zuerst haben sich die Unternehmen verschuldet, dann die Bürger, nun der Staat. Das ist kein neues Phänomen, auch wenn die Auseinandersetzung aktuell sehr akut ist.  Denn eigentlich war die Grenze von 14.294 Mrd. USD schon im Mai erreicht und wurde nur „Bilanztricks“ bis zum 02. August gerettet. Auch wenn einige Bundesstaaten, z.B. Kalifornien, von den Ratingagenturen schon längst als kreditunwürdig bezeichnet werden. Anders als z.B. in Deutschland der Staat für das Bundesland Bremen (nur daher ist ein Triple-AAA haltbar), haften die USA nicht für ihre Bundesstaaten. 

Lange standen die USA für Vorzeige-Kapitalismus, wenn auch mit „Extremen“: Liberale Strukturen, nach denen sich Unternehmer andernorts sehnen und eine gigantische Kaufkraft durch eine konsumfreudige Bevölkerung. Die Achillesferse des Konzeptes: die Finanzierung auf Pump. Und nun verlieren vor allem die US-Bürger ihr größtes Kapital – das Vertrauen in die eigene Unantastbarkeit, die unbedingte Überzeugung, dass alles geht. Rückschläge, wie das Platzen der Internetblase, wurden schnell in „Chancen“ umgewandelt. Nicht ohne Grund stand von John F. Kennedy der prägnante Satz:   „The Chinese word for crisis, Wei Ji, is a compound of the characters for Danger (Wei), and Opportunity (Ji)“ – Das Wort Krise setzt sich im Chinesischen aus zwei Schriftzeichen zusammen, das eine bedeutet Gefahr und das andere Gelegenheit. 

Entsprechend sieht die Mehrheit der US-Bürger auch nicht mehr die USA, sondern China als die führende Wirtschaftsmacht. Indes: Rein nach der volkswirtschaftlichen Zahlenlehre dauert es noch ein wenig, bis dahin. Auch Innovationen, ein weiterer zentraler Faktor für den Aufstieg des US-Imperiums, Innovationen alleine reichen nicht mehr. Denn die US-Unternehmen verlieren in weiten Teilen den Anschluss:   http://www.wiwo.de/politik-weltwirtschaft/amerika-verliert-den-anschluss-474429/ 

Aber wer ist eigentlich schuld daran, dass die USA weiterhin das Schulden-Modell fortfahren, um einen nicht vorhandenen Sozialstaat zu subventionieren? Vor allem ist das Ausgabenproblem in Wirklichkeit – und das ist bedenklicher –  mehr ein Einnahmenproblem http://www.businessinsider.com/chart-of-the-day-washingtons-revenue-problem-2011-7?utm_source=Triggermail&utm_medium=email&utm_term=Money%20Game%20Chart%20Of%20The%20Day&utm_campaign=Moneygame_COTD_072511 

Und dennoch gilt auch hier Kennedys Satz und die aktuelle Gefahr für US-Anleihen ist, zumindest kurzfristig, auch eine Chance, die kurzfristig agierende Investoren nutzen können! In Anlehnung an den Bestseller von Emmanuel Todd http://de.wikipedia.org/wiki/Emmanuel_Todd#.E2.80.9EWeltmacht_USA_-_Ein_Nachruf.E2.80.9C  gilt also zunächst erstmal: Weltmacht USA: kein Nachruf.

Was denken Sie? Welche Aspekte gibt es, die im Hinblick auf die USA zuversichtlich stimmen?

 

 

 

Jul 222011
 

DB Research hat eine sehr interessante Präsentation zur Staatsverschuldung veröffentlicht. Die Abhängigkeit von ausländischen Gläubigern war schon immer Auslöser von Schuldenkrisen. Dies ist auch ein wesentlicher Grund, warum es in Japan bisher eben nicht zu einer solchen kam. Dies veranschaulicht sehr schön diese Übersicht:

Quelle: DB Research

Die „Risiko-Matrix für die Staatsverschuldung“ auf Seite 10 zeigt, warum der Schweizer Franken als Fluchtwährung weiterhin erste Wahl ist. Auch lässt die Übersicht den Schluss zu, dass in Europa Belgien negativ in den Fokus rücken könnte, zumal das Land seit über einem Jahr in einer politischen Krise steckt und somit nahezu handlungsunfähig ist.

Auch die Prognose eines sehr langsam aber steigenden Realzinses in den Industrieländern (Seite 14) bis 2020 lässt aufhorchen, denn sollte dies so kommen, dürften die Edelmetalle nicht mehr viel Preissteigerungspotenzial haben. Dies steht in krassem Gegensatz zum aktuellen Sentiment.
Quelle: DB Research

Unbedingt anzuschauen ist auch Seite 18, auf der ein „Schock-Szenario“ dargestellt ist: Wohin gehen die Schuldenquoten, wenn die Zinsen stärker als erwartet steigen? Es würde primär die bereits bekannten „Verdächtigen“ treffen: Griechenland, Portugal, Irland und Italien. Aber auch für die USA würde dies eine markante Sonderbelastung darstellen.

Ein wichtiges Ergebnis der Analyse: „Ein Schuldenabbau auf ein dauerhaft tragfähigeres Niveau ist derzeit (noch) in weiter Ferne“.

Die kommenden Jahre werden demnach in allen westlichen Ländern gekennzeichnet sein durch harte Sparmaßnahmen („Deleveraging“) und steigende Steuern und Abgaben, was klar deflationär wirkt. Wie Griechenland jedoch gezeigt hat, lassen sich derartige Anstrengungen nur bedingt in Demokratien umsetzen. Das Thema Staatspleite wird uns daher vermutlich dauerhaft erhalten bleiben. Und auch der Unmut in den Bevölkerungen wird weiter zunehmen. Das große Risiko ist, dass aus dieser Kombination etwas erwächst, was sich historisch in ähnlichen Phasen immer wieder gezeigt hat: eine Tendenz zu externen und internen Kriegen.

Jun 282011
 

Mitte März stellten wir hier die Frage, ob Japan eine Schuldenkrise drohe. Die Societe Generale ist nicht nur der Ansicht, dass die japanische Wirtschaft vor einer V-förmigen Erholung steht, sondern auch, dass Japan „zu reich für einen Bankrott“ ist:

Quelle: Societe Generale

Tatsächlich steht der immensen japanischen Staatsverschuldung (218,6% des Bruttoinlandsprodukts) ein gewaltiges Vermögen der Haushalte entgegen. Schon im Jahr 2000 warnte DB Research vor einer Schuldenfalle in Japan. Bislang ist es nicht dazu gekommen, weil Japan – wie die USA – primär in der eigenen Währung verschuldet ist, diese weiterhin autonom begibt (wichtiger Gegensatz zur Eurozone) und die Gläubiger vorrangig die eigenen Bürger sind. Eine echte Schuldenkrise droht Japan demnach erst dann, wenn die eigenen Bürger das Vertrauen in den Staat und die Währung verlieren.

Mai 232011
 

„USA: Staatsbankrott im August?“ schreibt mmnews.de. Im Artikel heißt es: „Was ist der Unterschied zwischen Griechenland und den USA? Eigentlich kein großer – nur über die USA spricht niemand.“

Beides ist vollkommen falsch. Es wird sehr viel über einen Staatsbankrott der USA „gesprochen“, was eine kurze entsprechende Suchanfrage bei Google zeigt. Und es gibt einen sehr großen und entscheidenden Unterschied zwischen den USA und Griechenland. Die Quintessenz können wir schon vorweg nehmen: die USA können nicht bankrott gehen!

Warren Buffet hat richtig erkannt: „Die USA werden keine Schuldenkrise erfahren, solange wir Schulden in unserer eigenen Währung begeben. Das einzige über das wir besorgt sein müssen ist die Druckerpresse und Inflation.“

Genau das ist der zentrale Unterschied zu Griechenland: die USA sind souveräner Herausgeber ihrer Währung. Ein US-Bankrott ist technisch vollkommen unmöglich, solange der US-Kongress diesen nicht beschließt.

Sicher werden Sie sich denken: „Das ist doch Quatsch! Irgendwann ist die Verschuldung so groß, dass niemand mehr US-Anleihen kauft und dann sind die USA sehr wohl bankrott.“

Nun, dem ist nicht so. Zumindest nicht nach der Argumentation der „Modern Monetary Theory“ (MMT), welche in den USA immer mehr Anhänger findet und deren Ansichten auch wir teilen. Was verbirgt sich dahinter?

MMT ist eine Beschreibung, keine Theorie. Sie bezieht sich ausschließlich auf eine Regierung, deren Währung flexibel handelbar und wo sie allein Herausgeber der Währung ist. Daher finanziert sich eine solche Regierung nicht über Steuer-Einnahmen oder Ausgabe von Schuldtiteln. Es ist genau anders herum: die Regierung muss selbst erst die Währung herausgeben, bevor sie Steuern erheben oder Anleihen begeben kann.

In einem solchen Fiat Money System finanzieren Staatsanleihen nichts – sie dienen lediglich als monetäres Instrument, mit dem die Notenbank die Zinssätze von Übernachtkrediten steuert. Auch die Aussage, China oder Japan finanzieren die USA, ist falsch.

Wir werden die MMT in den nächsten Tagen ausführlich vorstellen, denn der Sturm der Entrüstung dürfte groß sein. Auch wir haben lange gebraucht, um die Theorie und deren Implikationen zu begreifen. Daher auch unser jüngster Hinweis auf Twitter, Dollar zu kaufen.

Abschließend: Wichtig ist die Erkenntnis, dass es in einem Fiat Money System wie oben beschrieben technisch keinen Staatsbankrott der USA geben kann – es sei denn, dieser wird von den Staatsvertretern selbst „beschlossen“. Die einzige Gefahr ist, dass die Regierung mehr Währungseinheiten herausgibt als entsprechend der Produktionskapazität der Wirtschaft erforderlich ist. Dann ist die Folge dieses Inflationsprozesses der Kaufkraftverlust der Währung.

Die USA sind nicht Griechenland. Das Geldsystem der USA ist völlig anders als jenes der EU.

Mrz 172011
 

Wie der jüngste massive Sprung des Yen zeigt, werden – mal wieder – die Carry Trades geschlossen. Offensichtlich hat die Bank of Japan sofort interveniert, denn eine weitere Aufwertung des Yen würde die ohnehin nun angeschlagene Wirtschaft aufgrund teurer werdender Exporte weiter belasten.

Es gibt ein Sprichwort das besagt: Sei vorsichtig was du dir wünschst – es könnte in Erfüllung gehen.

Nicht wenige Marktstrategen (Faber, Hendry, u.a.) rechnen damit, dass der Yen in nicht allzu ferner Zukunft eine markante und nachhaltige Abwertung erfahren wird, denn kein Staat auf diesem Planeten ist derart hoch verschuldet wie Japan (226% des BIP). Wenngleich der Staat vorrangig bei den eigenen Bürgern verschuldet ist (ca. 90%), so werden auch diese aufgrund der demografischen Entwicklung entsparen müssen und damit künftig eher als Verkäufer von Staatsanleihen auftreten. Aber wer möchte dann die japanischen Bonds haben, zumal diese eine völlig unattraktive Verzinsung bieten? Analog zu den USA kommt wohl nur noch die Zentralbank als Käufer in Frage…

Nicht ohne Grund hat Standard & Poor’s (S&P) Japan im Januar abgestuft. Nach der Prognose von S&P wird Japans Verschuldung 2050 bei 750% des BIP liegen. Aber es ist extrem unwahrscheinlich, dass es so weit kommen wird, denn dem Staat dürfte schon viel früher der Bankrott bevorstehen. Im zweiten Jahr in Folge hat die öffentliche Hand mehr Kredite aufgenommen, als Steuern eingenommen wurden. Dies wird irgendwann das Vertrauen unterminieren.

Robert Rethfeld von wellenreiter-invest schreibt: „Der japanische Staat hat die vergangene Dekade nur deshalb ohne Insolvenz überlebt, weil die Renditen extrem niedrig waren. Das aktuelle Ereignis könnte das Fass zum Überlaufen bringen. Ohne Zweifel wächst die Gefahr eines Renditeanstiegs für japanische Staatsanleihen. Die 10jährigen japanischen Staatsanleihen notierten am Freitag bei 1,27 Prozent. Ein Anstieg auf 2,5 Prozent oder mehr würde unweigerlich zu einer japanischen Staatsinsolvenz führen.“

Gestern musste Japan, als es sich fast 10 Milliarden Euro auf dem Kapitalmarkt besorgt hat, für Anleihen mit einer Laufzeit von 20 Jahren schon 2,13% Zinsen bieten. So hoch war der Zinssatz zuletzt vor einem Jahr. Nach dem verheerenden Erdbeben wird Japan immenses Kapital für den Wiederaufbau benötigen und daher weitere Schulden aufnehmen müssen.

Ist die Schuldenkrise also sicher?

Blog-Autor Cullen Roche (http://pragcap.com) sieht keine Gefahr und weist – wie auch hinsichtlich den USA – darauf hin, dass Japan im Gegensatz zu Griechenland selbst die Währung ausgibt. „The truth is, Japan can never run out of Yen.“ Eine Schulden- bzw. Finanzierungskrise sei demnach gar nicht möglich. Denkbar sei eine Hyper-Inflation durch zu exzessive Yen-Ausgabe im Verhältnis zur Produktionskapazität, aber dies würde „eindeutig nicht passieren“. Japan kämpfe immer noch mit der Deflation. Als Belege für seine These führt er die weiterhin niedrigen Preise für Credit Default Swaps und die stabilen bzw. sogar gefallenen Anleihen-Zinsen an.

In der Tat sind einige Argumente Roches nicht von der Hand zu weisen. Doch womöglich ist einfach nur der Wendepunkt noch nicht final erreicht. Menschen tendieren dazu, Entwicklungen einfach in die Zukunft fortzuschreiben. Doch irgendwann bricht der Trend und die Marktteilnehmer finden sich plötzlich in einem völlig neuen Umfeld wieder. Man konnte dies erst im Dezember 2010 bei den US-Kommunalanleihen beobachten.

Uns erscheint es eher unwahrscheinlich, dass sich eine Deflation unbegrenzt lange hinzieht. Irgendwann ist er da, der „tipping point“, und dann geht oftmals alles sehr schnell. Es macht Sinn, sich das Jahr 2008 nochmals in Erinnerung zu rufen. Das Platzen der US-Immobilienblase wurde auch viel früher erwartet. Erste Mahner gab es schon Jahre zuvor. Doch wie so oft wählte der Markt den Weg des größten Schmerzes.

Japanische Aktien könnten übrigens von einer nachhaltigen Yen-Abwertung deutlich profitieren. Wenn sich die derzeitige Lage entspannt und sich kein nachhaltiger Schaden durch den Kernreaktor-Vorfall ergibt, könnte es Sinn machen, nach einem längerfristigen Investment in Japan zu schauen.

Feb 012011
 

1968 erklärte der damalige Wirtschaftsminister Karl Schiller vollmundig: „Die Inflation ist tot. Sie ist so tot wie ein rostiger Nagel.“ Schon fünf Jahre später, 1973 erreicht die Inflationsrate hierzulande fast 8%! Weitere 20 Jahre später, im Jahr 2003, wollte der Internationale Währungsfonds ein Insolvenzverfahren für Staaten erarbeiten. Dies geschah noch unter der Regie des schon damals als IWF-Chef um bessere Handelswege bemühten Horst Köhler, dessen markanteste Aussage zu Handelswegen, nämlich dass „militärischer Einsatz notwendig [sei]…, um unsere Interessen zu wahren, zum Beispiel freie Handelswege“ ihn letztlich sein Job gekostet hat. Der Vorschlag scheiterte am Veto der USA… Denken Sie bitte selbst darüber nach, was die USA dazu bewogen haben könnte. Heute erscheint die Lage jedenfalls noch mal komplexer. Die USA und einige andere Staaten erscheinen nach klassischen Bewertungsmethoden für die Zahlungsfähigkeit von Staaten und Institutionen als de facto bankrott. Seien Sie insofern zumindest kritisch gegenüber Statements von öffentlichen Stellen!

Bemerkenswert ist daher auch, wie unterschiedlich die Finanzmärkte derzeit Risiken wahrnehmen. Heute rentiert eine gut fünfjährige Anleihe des Landes Griechenland bei satten 12,3%. Die Ratingagenturen geben Griechenland mit Ba1 bzw. BB+ indes noch ein überschaubares Risiko. In die Sprache von Anlegern übersetzt bedeutet dieses Rating: „Mittlere Qualität. Möglicherweise anfällig in Wirtschaftskrisen.

Eine Anleihe von SolarWorld, ein zweifelsohne schillerndes Unternehmen, aber auch mit einer negativen Cash-Flow-Umsatzrendite, also von der Substanz zehrend und ohne Rating, bietet für einen vergleichbaren Zeitraum knapp die Hälfte an Rendite: ca. 6,2%. Damit ist die SolarWorld auf demselben Level wie Ungarn. Ungarn? Wir erinnern uns: das Land war vor zwei Jahren quasi gekippt und hatte 20 Milliarden Euro von IWF, EU und der Weltbank benötigt! Die spanische Großbank Santander wiederum wird mit einem AAA-Rating, das höchst erreichbare, ausgezeichnet und gilt damit als äußert zuverlässig. Trotzdem wirft ihre ca. fünfjährige Anleihe derzeit über 5% ab. Dies ist über 1% mehr als z.B. die im B-Bereich geratete Anglo American, einem der größten Minenkonglomerate der Welt, aber nur mit Baa1-Rating!  Führen Sie sich die Ausführungen noch einmal vor Augen:

Ratings Unternehmen und Länder

Viele Unternehmensanleihen weisen niedrigere Renditen als große Staaten auf und das bei zuweilen auch noch schlechteren Ratings. Sie sehen: die Relationen werden diffuser, alte Glaubenssätze lösen sich in Wohlgefallen auf!  Es gibt keine 100%ige Sicherheit. Nicht ohne Grund haben selbst deutsche Anleihen zuletzt relativ zu anderen Staaten deutlich an Wert verloren. Auch wenn ein deutscher Staatsbankrott derzeit relativ unwahrscheinlich erscheint.

Fortsetzung folgt.

Jan 262011
 
Historische Geldscheine

Der ehemalige französische Finanzminister Abbé Terray empfahl seinen Königen Mitte des 18. Jahrhunderts, mindestens alle 100 Jahre Pleite anzumelden, „um wieder ins Gleichgewicht zu kommen“. Und in der Tat: Kleinere Staatsbankrotte gab es bereits vor Jesu Geburt, als griechische Stadtstaaten ihren Zahlungsverpflichtungen nicht mehr nachkommen konnten.

Das wichtigste für Sie als Gläubiger vorab: eine Pleite impliziert in der Regel einen deutlichen Kapital- bzw. Kaufkraftverlust für Sie! 

Die erste berühmte Staatspleite ereignete sich dann im Jahr 1340 (!) in England – Edward III. hatte sich mit seinem Krieg gegen Frankreich übernommen. Es folgten Karl II. im 17. Jahrhundert und viele, viele weitere staatliche Pleiten. Von über 90 staatlichen Pleiten, gut verteilt über den Erdball, kann ausgegangen werden. Auch Deutschland war bereits mehrfach bankrott – 1923 sowie nach dem 2. Weltkrieg sind die prominentesten von insgesamt sieben Pleiten seit 1800, wenn man Preußen und andere Staaten als Vorgängernationen akzeptiert. Damit belegen wir einen ordentlichen Mittelfeldplatz. Venezuela beispielsweise war seit 1800 bereits zehn (!) Mal zahlungsunfähig, Österreich-Ungarn neun Mal, Spanien – Stand heute, 26.01.2011 – nur acht Mal (relativierend sei ergänzt, dass Spanien vor 1800 bereits fünf weitere Pleiten erlebt hatte), Griechenland kommt sogar – ebenfalls Stand heute, 26.01.2011 – auf nur fünf Pleiten.

Insofern: Seien Sie „beruhigt“, Sie reihen sich im Fall der Fälle ein in die lange Geschichte Ihrer Ahnen, die solche Pleiten ebenfalls durchleben mussten. Das ist keinesfalls zynisch gemeint, sondern soll vielmehr Ihre Angst etwas relativieren und Ihren Blick für das Wesentliche schärfen: das Leben der Betroffenen ging immer weiter.

Wenngleich eine staatliche Pleite immer eine große Zäsur darstellte, speziell natürlich in Sachen Wohlstand und finanzielle Absicherung. Als Beispiel sei hier Argentinien angeführt. Noch vor weniger als 100 Jahren zählte Argentinien zu den zehn reichsten Ländern der Welt, mit Wachstumsraten weit vor denen Deutschlands oder den USA. Seit den 1940er Jahren hinkte Argentinien aber stetig hinterher und es entwickelte sich eine – nicht nur im Nachhinein betrachtet – unnötige Inflation durch Missmanagement, die ihren Gipfel 1989 mit 5000% (!) erreichte, als der Staat dann wortwörtlich nicht mit mehr mit dem Drucken von Geld hinterher kam: es waren keine hierfür ausreichenden Papierreserven mehr vorhanden… Es folgte ein weiteres Jahrzehnt der Unsicherheit, bis der IWF endgültig seine Zahlungen einstellte und die Gläubiger von Argentinien-Anleihen sich mit nur noch im Schnitt einem Drittel ihres eingesetzten Kapitals zufrieden geben mussten. Im betroffenen Land selbst gipfelte das Drama in einem Quasi-Bank-Run.

Fortsetzung folgt.