Jun 282017
 

Der kürzliche Abverkauf der FANG-Aktien (siehe dazu auch der Beitrag „Der Bär lauert – Aktienmärkte vor Rückschlag (oder mehr)!“) hat eine wichtige Botschaft an Investoren gesendet: Durch das inzwischen erheblich verbreitete passive Investieren wird immer mehr Kapital gleichgewichtet auf wenige Aktien gestreut – ungeachtet dessen, ob einzelne Titel bereits erkennbar überbewertet sind oder nicht. Dreht der Trend, stehen dann kaum Käufer bereit und die Kursverluste fallen heftig aus. Dass daraus sogar eine Art „Kernschmelze“ an den Märkten hervorgehen kann, soll folgend erläutert werden.

Über Jahre zeigte sich immer wieder, dass die meisten aktiv gemanagten Fonds ihren Benchmark-Index nicht schlagen. Auf Basis dieser Kernerkenntnis entwickelte sich die Idee des passiven Investierens über kostengünstige Indexfonds zu einem Dauerbrenner. Immer mehr Kapital floss somit in den vergangenen Jahren in ETFs und NOCH ist der Trend ungebrochen:

Auch der Trend zu „Robo Advisory“ bzw. „digitaler Vermögensverwaltung“ begünstigt den Siegeszug der ETFs. In US-Aktien haben Indexfonds und ETFs kumuliert einen Marktanteil von 45%. Problematisch daran ist, dass wegen dieser immensen Größe nun Marktverzerrungen auftreten. Der Indexfonds macht eben genau das nicht, was ein aktiver Fondsmanager getan hätte: er wägt nicht ab, er verteilt nur Kapital. Dies führt jedoch dazu, dass sich Trends zu „Selbstläufern“ entwickeln – je mehr Kapital zufließt, desto mehr steigen die Preise. Genau das haben wir bei den „FANG-Aktien“ erlebt und dieser Trend hat zu sehr fragwürdigen Bewertungen geführt – hier schön aufgezeigt am Beispiel der Amazon-Aktie.

Um dem Argument des reinen Abbildens den Wind aus den Segeln zu nehmen, hat die ETF-Branche „Smart Beta Fonds“ kreiert. Diese „intelligenten ETFs“ versprechen gewissermaßen die „bester aller Welten“, da sie weiterhin die Vorteile klassischer ETFs (wie z.B. niedrige Kosten) bieten sollen, jedoch zusätzlich ein gewisses automatisiertes Management beinhaltet ist. Bei Smart Beta wird ein vom Marktindex abgewandelter Index geschaffen, der regelbasiert nur die Unternehmen auswählt, die bestimmten Kriterien entsprechen. Diese Kriterien werden auch „Faktoren“ genannt. Der Ansatz überzeugt in den vergangenen Jahren immer mehr Investoren:

Smart Beta Fonds sind wiederum ein markantes Beispiel für einen weiteren noch umfassenderen Trend: der Anteil von Handelsprogrammen bzw. „Algos“ hat in den vergangenen Jahren erheblich zugenommen. Das sind Programme, die bisher erfolgreiche Handelsansätze – basierend auf quantitativen Daten – automatisch handeln. Diese „Quants“ sollen bereits 70% des Handelsvolumens ausmachen! Eine nicht ganz unwesentliche Frage hierbei ist, in wie weit diese Systeme die bisher funktionierenden Signale durch die immanente Reflexivität obsolet werden lassen. Denn alle Quant-Fonds arbeiten mehr oder weniger mit den gleichen historischen Daten und sollten somit zu ähnlichen Modellen bzw. Ergebnissen kommen. In gewisser Hinsicht wird somit – trotz ausgefeilter Computer-Technik – doch wieder „Herdenverhalten“ begünstigt.

Und hierin liegt nun das oben bezeichnete „Kernschmelzen“-Risiko. Die Finanzkrise 2008 wäre womöglich niemals so gravierend ausgefallen, wenn nicht mehr oder weniger alle Banken mit demselben Risikomodell gearbeitet hätten. Nun haben wir ein ähnliches Phänomen auf der Anlage-Seite, denn riesige Investmentbeträge wurden in klassische und „intelligente“ ETFs investiert allein aus Kosten- und Performance-Gründen. Die Ironie dabei liegt darin, dass genau damit die Signalfunktion von Preisen außer Kraft gesetzt und auch die Liquidität völlig überzeichnet wird. Der ETF-Flash-Crash am 24. August 2015 zeigte das Risiko deutlich auf. Zudem laufen viele Investoren mehr oder weniger unbewusst „in der gleichen Herde und in die gleiche Richtung“.

Nun stellen Sie sich ein Szenario vor, das ein plötzliches Umdenken vieler Investoren erzeugt, z.B. eine unerwartete Eskalation des Nordkorea-Konfliktes mit Einsatz von Nuklearwaffen oder eine globale Cyber-Attacke mit längerfristiger Auswirkung. Plötzlich fangen die Quants bzw. Algos an zu verkaufen, denn das ist es, was die Modelle nun errechnen. Und auch einige Investoren in ETFs kommen zu der Ansicht, dass es vielleicht besser ist, etwas Kapital rauszunehmen. Doch wer soll die von den ETFs gehaltenen Aktien nun kaufen (zumal ETFs keine Kasse halten)? Panik entsteht, da die ETFs für einzelne Werte gar keine ausreichende Liquidität finden. Die Market Maker stellen immer tiefere Kurse, mit der Folge dass immer mehr Quants/Algos verkaufen und auch immer mehr ETF-Anleger „kalte Füße“ bekommen – zumal die ersten ETF-Anbieter über „Probleme bei der Preisermittlung“ berichten und den Handel aussetzen. In einem solchen Szenario können selbst etablierte Indizes wie der Nasdaq 100 dramatischste Verluste in kürzester Zeit erfahren. Der oben beschriebene Selbstläufer-Prozess dreht sich somit nun um ins Gegenteil – die Kernschmelze an den Märkten ist da.

In einem solchen Szenario ist es denkbar, dass am Ende die Notenbanken beginnen, in exorbitanten Ausmaß ETFs zu kaufen um den Markt zu stabilisieren – die japanische Notenbank tut dies ja bereits seit längerem. Und schon finden wir uns im neuen Quantitative Easing Zyklus wieder… Nur dass das Vertrauen „ins System“ wieder weiteren Schaden genommen hat und die Zentralbanken final an Glaubwürdigkeit verlieren könnten – insbesondere, nach dem Janet Yellen sich gestern zu der gewagten Aussage hinreißen ließ, dass es „zu Lebzeiten keine weitere Finanzkrise mehr geben wird“.

Relativierend: In der Überschrift habe ich das Wort „bald“ verwendet, tatsächlich weiß ich jedoch weder ob geschweige denn wann ein solches Szenario jemals eintreten wird. Ich glaube jedoch, dass sich hier Systemrisiken entwickeln, welche die einzelnen Marktakteure und Aufsichtsbehörden nicht einschätzen können, da eine übergeordnete Intelligenz fehlt. Mir scheint, wir erleben gerade ein riesiges unüberschaubares Anlage-Experiment – und das zu einer Zeit, wo das Finanzsystem und im weiteren Sinne das gesamte Weltwirtschaftssystem vor dramatischen Umwälzungen steht (politische Faktoren mal ganz außer Acht gelassen). Seien Sie also auf der Hut. Die global niedrige Volatilität könnte sich als das größte technische Fehlsignal aller Zeiten herausstellen – ironischer Weise erzeugt durch „intelligente Fonds“ und hoch professionelle Computersysteme (die von Menschen geschaffen wurden und denen massenhaft Vermögen anvertraut wird)…

Jun 202017
 

In meinem letzten Beitrag, der nun ziemlich genau ein Jahr zurückliegt, wies ich auf die Chancen einer Rally hin: „Wenn man sich nun noch klar macht, dass Fonds weltweit laut jüngster BofA-Studie höchste Barquoten seit 2001 (!) und tiefste Aktiengewichtungen seit vier Jahren haben, Anleihen kaum noch Renditen bieten und es auch sonst an sinnvollen Investitionsalternativen ermangelt, dann ergibt sich eine Konstellation, aus der regelmäßig neue Hausse-Phasen bzw. starke Rallyes geboren werden.“

Seit dem ist der DAX um rund 30% gestiegen auch auch andere Börsen konnten satte Gewinne verzeichnen. Nun ist es an der Zeit, „Geld vom Tisch zu nehmen“. Ich erwarte zumindest einen satten Rückschlag (wenn nicht gar mehr) an den Aktienmärkten in den nächsten Monaten. Einen „Vorgeschmack“ lieferte der Nasdaq 100 kürzlich, als die „FANG-Aktien“ durch einen Goldman-Report unter Druck gerieten. Hierzu wichtig zu wissen ist, dass die FANG-Aktien 55% des Nasdaq-Anstieges im laufenden Jahr ausgemacht haben:

Mit der jüngsten zweiten Zinsanhebung und dem Ausblick, dass noch eine weitere folgen wird, hat die US-Notenbank das Ende von QE – zumindest vorläufig – eingeleitet. Für eine seit 2009 laufende, stark liquiditätsgetriebene Börsenhausse ist das eine nicht unwesentliche Nachricht. Die Impulse durch die Notenbanken sinken gerade in den negativen Bereich ab:

Quelle: nzz.ch

Was zudem bedenklich stimmt ist, dass es kaum noch Bären zu geben scheint und die Märkte aus meiner Sicht einige weitere wichtige Entwicklungen völlig sorglos ignorieren:

  1. Die US-Wirtschaftsdaten waren zuletzt überraschend schwach.
  2. Wenngleich es keine erkennbare Euphorie an den Börsen gibt – bei den Digitalwährungen Bitcoin & Co ist sie unverkennbar und damit Ausdruck einer hohen Risikoneigung. Und auch die zuletzt exorbitant hohen Kapitalströme in den Tech-Sektor bzw. generell sprechen eine deutliche Sprache.
  3. Bei eher unbeachteten Vorlauf-Indikatoren wie der Preisentwicklung von Oldtimern zeigt sich eine Wende.
  4. Aktien sind nach den jüngsten Kursavancen so teuer geworden wie wenige Monate vor dem Beginn der letzten großen Baissephase.
  5. Wertpapierkäufe über Kredite stehen auf absolutem Rekordniveau. Das kann sich zwar noch weiter ausdehnen, aber das Niveau als solches sollte schon bedenklich stimmen. Kommt es zu einer Wende, werden diese Kredite – wieder einmal – deutlich abgebaut werden müssen – mit der Folge weiterer Verkäufe und nachlassender Nachfrage.
  6. Aktienrückkäufe von Unternehmen lassen allmählich nach.
  7. Der Anteil der Fondsmanager, die die Märkte für überteuert halten, steht auf einem 17-Jahreshoch. M.E. ist das kein Kontraindikator, sondern es bedeutet, dass diese Investoren eher zu Verkäufen geneigt sind und bei einem Fall nicht gleich zugreifen werden. Es ist somit für mich eher ein Signal für zunehmende „inhärente Fragilität“.
  8. Durch den Boom der ETFs steckt dort inzwischen sehr viel Kapital – wird dieses recht abrupt abgerufen (z.B. in einer Panik), kann es zu einem schwer zu stoppenden Schneeballeffekt kommen.
  9. Der Effekt dürfte durch Algo-Tradingsysteme noch verstärkt werden (dazu auch: „BofA: With Rise of Quants Comes Meltdown Risk„).
  10. Das größte Risiko erscheint mir politischer Natur, sei es eine offene Konfrontation zwischen Russland und den USA in Syrien, ein Krieg zwischen Iran und Saudi-Arabien oder ein Anschlag auf einen führenden Politiker.
  11. Hinsichtlich letzterem überlegen Sie selbst, welche möglichen Auswirkungen ein Anschlag auf Erdogan, Putin oder gar Trump haben könnte.
  12. Die USA erscheinen mir inzwischen nicht mehr nur politisch gespalten. Ich habe den Eindruck, dass das Land generell instabil werden könnte. Eine mögliche Amtsenthebung Trumps dürfte zu landesweiten Unruhen führen, welche in diesem Land mit einem „Volk unter Waffen“ sogar teils blutig werden könnte. Das mag unwahrscheinlich erscheinen, aber die Trump-Wahl selbst hat schon gezeigt, wie viel Misstrauen und Unzufriedenheit in der US-Bevölkerung herrscht. Es könnten sich durchaus bewaffnete Verbände bilden, wie dies 2006 schon der Fall war.

Wenngleich einige der oben genannten Aspekte eher perspektivisch denn kurzfristig bedenklich erscheinen, so sollten sie doch in eine strategische Anlageentscheidung einfließen. Womöglich muss in Bälde bei dieser Skizze („stock market cycle chart for this new era“) das Wort „buy“ durch „sell“ ausgetauscht werden…

Quelle: Tweet

Mir ist bewusst, dass es auch zahlreiche Bullen-Argumente gibt. Aber das ist an Hochs typischerweise der Fall, so wie es in Tiefs fast ausnahmslos überzeugende Bären-Argumente gibt. Alles hat seine Zeit. Und meines Erachtens „lauert der Bär“ und könnte in den Sommer- und Herbstmonaten einen unerwarteten Angriff starten. Sichern Sie Positionen ab!

Mai 132011
 

Wenn der Staat Pleite macht, dann geht natürlich nicht der Staat pleite sondern seine Bürger“ konstatierte bereits vor 100 Jahren Banquier Carl Fürstenberg – ein wahres Wort! Was aber, wenn ein Staat pleite macht, und nicht nur seine Staatsbürger pleitegehen, sondern dadurch auch Bürger, die gar nicht dem Pleite-Staat angehören?

Angesichts der wirtschaftlichen Relevanz der PIGS-Staaten für die EU respektive den EURO-Raum ein nicht sehr wahrscheinliches, aber aufgrund der Dynamik von Finanzmärkten, Marktteilnehmern und der Emotionen von Massen (vgl. hierzu die bahnbrechenden Erkenntnisse von Gustave Le Bon – ebenfalls 100 Jahre alt, aber zeitlos) zumindest ein Szenario, das sich Menschen mit Weitblick etwas näher anschauen sollten. Immerhin müssen die EU-Länder in diesem Jahr über 900 (!) Mrd. EUR refinanzieren, so viel wie noch nie – davon zwei Drittel die Staaten Italien, Spanien, Belgien und Portugal.

Hinzu kommen die europäischen Banken mit über 1.000 Mrd. EUR, ebenfalls ein Rekordwert, der dadurch eine besondere Relevanz erhält, dass insbesondere die europäischen Banken Investoren bei PIGS-Anleihen sind. Der Prozess verschärft sich mit jeder Abstufung der Krisen-Staaten, so wie unlängst erneut durch die Rating-Agentur S&P, die dabei sogar konkrete Prozentangaben für einen möglichen „Haircut“ der Griechen machte. Denn Banken haben gigantische Risikoabteilungen. Diese arbeiten oft mit sehr statischen Modellen: verschlechtert sich das Rating einer Anleihe im Handelsbestand, so wird das Risikobudget der Bank gesprengt und sie muss handeln – also Anleihen verkaufen. So entsteht schnell ein Kreislauf, an dessen Ende extrem niedrige Anleihekurse, also extrem hohe Renditen (im Falle der Rückzahlung) stehen können. So notiert eine Anleihe des Landes Griechenland, die Ende dieses Jahres fällig ist, bei unter 90% – und gleichzeitigem Zins von 5% p.a.! Noch dramatischer: für eine fünfjährige Griechenland-Anleihe bekommt man derzeit (immer unter der Prämisse ordnungsgemäßer Zahlungen) über 15% p.a. mehr als mit einer vergleichbaren deutschen Anleihe! (Zum Vergleich: Portugal +8%, Irland +9,4%, Spanien +2%, Italien +1,4%).

Daher  gibt es inzwischen auch Stimmen, die erste Investments in den PIGS-Staaten wagen. Ein in dem Kontext viel diskutiertes Instrument unter Experten ist ein ETF auf die EURO-Staaten, die über kein AAA-Rating verfügen, wie z.B. der von Amundi (ISIN: FR0010892190, nähere Infos), der seit seinem Hoch von 167,79 EUR auf aktuell 153,83 EUR nur überschaubar gefallen ist. Das liegt allerdings daran, dass der Fonds erst im September letzten Jahres emittiert wurde, als die Staatsschuldenkrise schon voll entbrannt war…

„Verkehrte Welt“: Unterdessen hat sich die Qualität von klassischen Emerging Markets-Anleihen deutlich verbessert. Heute sind über 50% der EM-Staaten als „Investment Grade“ klassifiziert. Die prominentesten Heraufstufungen waren Mexiko im Jahr 2000 (aktuell Baa1), Russland 2003 (aktuell Baa1) sowie Brasilien 2008 (aktuell Baa3). 1993 lag der Anteil noch bei unter 2% und selbst Ende 1999 noch bei nur 15%. 2010 sind diesen Anleihen 75 Mrd. USD zugeflossen – 2002 waren es nur 2 Mrd. Dazwischen ist der Anteil, mit Ausnahme des Lehman-Jahres 2008, stetig gestiegen. Das zeigt: Investoren haben das Auszahlungsprofil von Anleihen „lieb gewonnen“. Läuft das eine Untersegment nicht, werden andere Segmente überflutet.

Doch auch das ist keine Einbahnstraße der Glückseligkeit. Auch Anleihen von vermeintlich oder wirklich potenten Staaten sind letztlich nur Zahlungsversprechen – im Zweifelsfall also ein wertloses Stück Papier. „Als erstes im Bankgeschäft lernt man den Respekt vor den Nullen“ – auch das ein Bonmot von Carl Fürstenberg. Damit meinte zumindest er damals noch Zahlen. Liebgewonnene Gewohnheit und Präferenzen (Staatsanleihen) können für den vernunftbedachten Investor niemals die alleinige Lösung sein – höchstens eine von vielen. Ergänzen Sie Ihr Portfolio durch Sachwerte!