Aug 092011
 

Wenn Sie mit jemandem einen heftigen Streit ausfechten, ist es stets ratsam, einen Moment inne zu halten, Emotionen „ausklingen“ zu lassen und sich dann mit etwas Abstand wieder der „Sache“ zu widmen. Ähnlich ist es an der Börse, wenn die Emotionen regieren. Immer wenn die Tagesmeldungen und Börsenbewegungen „dramatisch“ erscheinen, empfiehlt es sich, Charts über lange Zeitebenen anzuschauen. Das eröffnet den Blick dafür, dass es auch früher schon Krisen gab und die Welt – vermutlich – nicht genau heute untergehen wird.

Außerdem ist es sinnvoll, sich Ratios anzuschauen, also relative Bewertungen, z.B. den Dow Jones in Gold, weil Sie damit einen Blick für die relativen Bewertungen von Anlageklassen untereinander erhalten.

Per heute erreichen wir eine Dow/Gold-Ratio von 6,2. Zur Erinnerung: Im Jahr 2000 konnte man für „einen Dow Jones“ noch über 40 Goldunzen erhalten. Demnach war Gold bewertet in US-Dollar seit dem Jahr 2000 eine gegenüber US-Aktien bessere Anlageklasse. Ein Blick auf die langfristige Dow/Gold-Ratio zeigt, dass wir theoretisch auch auf einen Wert von 1 zusteuern können. Demnach wäre Gold relativ zu Aktien gesehen noch immer „billig“. Was der Chart indes auch zeigt ist, dass bei etwa 5 eine Widerstandszone beginnt und dass – wie in den 1970ern geschehen – auch durchaus starke Konter-Bewegungen möglich sind.Quelle: markt-daten.de

Wenn wir uns die aktuelle Stimmungslage anschauen, kann man sicher von einer „Extrem-Situation“ sprechen. Demnach dürfte der neuerliche Angst-Spike bald enden. Daher ist es durchaus möglich, dass sich die Outperformance des Goldes relativ zu Aktien abschwächt oder gar in ihr Gegenteil verkehrt. Auch ist zu bedenken, dass sich die Ratio grundsätzlich auch in Richtung 1 bewegen kann, in dem sowohl Aktien als auch Gold in US-Dollar fallen – nur dass eben dann das Gold weniger schnell fällt. Zudem hat sich Gold weit von seinen Trend-Linien entfernt. Kurzfristig erscheint es daher vernünftig, nicht mehr auf den steigenden Gold-Zug aufzuspringen, sondern bessere Gelegenheiten abzuwarten. Langfristig könnte Gold weiter steigen, wobei die Dow/Gold-Ratio auch zeigt, dass das „Filetstück“ vermutlich schon hinter uns liegt.

Weitere „sichere Häfen“ sind seit Monaten der Schweizer Franken (CHF) sowie der Japanische Yen (JPY). Angesichts eines möglichen Auseinanderbrechens der Euro-Zone ist es schwer zu sagen, was „fair“ gegenüber dem Euro (EUR) ist. Allerdings ist sowohl ein Auseinanderbrechen als auch eine Solvenz-Krise wie in Griechenland hinsichtlich den USA sehr unwahrscheinlich. Ein klassisches Bewertungsmodell ist die Kaufkraftparität. Danach ist der Schweizer Franken inzwischen ebenso deutlich überwertet wie der Japanische Yen.

Beide Währungen haben gemeinsam, dass sie aufgrund eines niedrigen Zinsniveaus bei dauerhaft niedriger Inflation zu Carry Trades genutzt werden. Die Idee dahinter ist, dass ein Investor z.B. in Schweizer Franken einen niedrig verzinsten Kredit aufnimmt und das Geld woanders (also in Fremdwährung) rentabler anlegt. Kommt es zu Auflösungen von Carry Trades, etwa weil die Renditeerwartungen gesunken sind oder die Währungsschwankungen zugenommen haben, wird demnach die Carry-Währung, z.B. der Schweizer Franken, (zurück) gekauft, was die Aufwertung verstärkt.

Ursächlich für die Anstiege von CHF und JPY sind demnach primär Ängste vor einem Zusammenbruch des Euros bzw. einer Krise des US-Dollars sowie Auflösungen von Carry Trades. Während wir einen Zerfall der Euro-Zone nicht ausschließen wollen, ist es doch unwahrscheinlich, dass dies schon in der nahen Zukunft geschieht. Auch ein „Dollar-Crash“ ist abwegig, da der Dollar-Raum weiterhin den größten, liquidesten und rechtlich stabilsten Markt darstellt. Zudem ist ein Bankrott der USA technisch gesehen unmöglich.

Wir kommen daher hinsichtlich Schweizer Franken und Japansichen Yen zu einem ähnlichen Schluss wie beim Gold: Kurzfristig ist es ratsam, hier nicht mehr auf den steigenden Trend aufzuspringen. Es kann jederzeit eine massive Konter-Bewegung starten. Und fundamental betrachtet sind beide Währungen nach der Kaufkraftparitäten-Theorie überwertet, was eine langfristige weitergehende massive Aufwertung sehr in Frage stellt. Auch langfristige Charts, z.B. USD/CHF mahnen zur Vorsicht:Quelle: prorealtime.com

Unser Fazit hat demnach eine gewisse Ironie: Wir warnen vor den „sicheren Häfen“ Gold, Schweizer Franken und Japanischer Yen. Bleiben Sie rational. Was zählt sind relative Werte.

Jul 282011
 

 

Weltmacht USA: kein Nachruf – zur Schuldengrenze in den USA 

Was ist das für ein Wahnsinn, den die US-Politiker-Elite sich leistet? Seit Wochen diskutieren die Damen und Herren und suchen nach einer „Lösung“. Was für eine Show! Diese Politiker sind wie es scheint schuld , dass die USA derzeit auf eine Zahlungsunfähigkeit zusteuern, wie auch der Economist konstatiert http://www.economist.com/node/18988614. Oder nicht? Die Nervosität wird jedenfalls größer, was sich in den Ausfallwahrscheinlichkeiten für US-Staatsanleihen zeigt, die im 1-Jahresbereich erstmals höher sind als im 5-Jahresbereich http://pragcap.com/politics-vs-economics , sowie in nervösen Aktien- und Rentenmärkten und einem selbst gegen den arg gebeutelten Euro schwachen USD zuletzt zeigt. Leichtfertig wird ein weiterer Einbruch an den Finanzmärkten wie nach Lehman im Jahr 2008 riskiert! Freilich würde erst die Nicht-Bedienung einer US-Staatsanleihe ein Erdbeben auslösen. Die Auswirkungen wären weitaus verheerender, als nach dem Lehman-Kollaps. 

Und es gibt einige Gründe, die immer wieder an der US-Bonität zweifeln lassen. Zuerst haben sich die Unternehmen verschuldet, dann die Bürger, nun der Staat. Das ist kein neues Phänomen, auch wenn die Auseinandersetzung aktuell sehr akut ist.  Denn eigentlich war die Grenze von 14.294 Mrd. USD schon im Mai erreicht und wurde nur „Bilanztricks“ bis zum 02. August gerettet. Auch wenn einige Bundesstaaten, z.B. Kalifornien, von den Ratingagenturen schon längst als kreditunwürdig bezeichnet werden. Anders als z.B. in Deutschland der Staat für das Bundesland Bremen (nur daher ist ein Triple-AAA haltbar), haften die USA nicht für ihre Bundesstaaten. 

Lange standen die USA für Vorzeige-Kapitalismus, wenn auch mit „Extremen“: Liberale Strukturen, nach denen sich Unternehmer andernorts sehnen und eine gigantische Kaufkraft durch eine konsumfreudige Bevölkerung. Die Achillesferse des Konzeptes: die Finanzierung auf Pump. Und nun verlieren vor allem die US-Bürger ihr größtes Kapital – das Vertrauen in die eigene Unantastbarkeit, die unbedingte Überzeugung, dass alles geht. Rückschläge, wie das Platzen der Internetblase, wurden schnell in „Chancen“ umgewandelt. Nicht ohne Grund stand von John F. Kennedy der prägnante Satz:   „The Chinese word for crisis, Wei Ji, is a compound of the characters for Danger (Wei), and Opportunity (Ji)“ – Das Wort Krise setzt sich im Chinesischen aus zwei Schriftzeichen zusammen, das eine bedeutet Gefahr und das andere Gelegenheit. 

Entsprechend sieht die Mehrheit der US-Bürger auch nicht mehr die USA, sondern China als die führende Wirtschaftsmacht. Indes: Rein nach der volkswirtschaftlichen Zahlenlehre dauert es noch ein wenig, bis dahin. Auch Innovationen, ein weiterer zentraler Faktor für den Aufstieg des US-Imperiums, Innovationen alleine reichen nicht mehr. Denn die US-Unternehmen verlieren in weiten Teilen den Anschluss:   http://www.wiwo.de/politik-weltwirtschaft/amerika-verliert-den-anschluss-474429/ 

Aber wer ist eigentlich schuld daran, dass die USA weiterhin das Schulden-Modell fortfahren, um einen nicht vorhandenen Sozialstaat zu subventionieren? Vor allem ist das Ausgabenproblem in Wirklichkeit – und das ist bedenklicher –  mehr ein Einnahmenproblem http://www.businessinsider.com/chart-of-the-day-washingtons-revenue-problem-2011-7?utm_source=Triggermail&utm_medium=email&utm_term=Money%20Game%20Chart%20Of%20The%20Day&utm_campaign=Moneygame_COTD_072511 

Und dennoch gilt auch hier Kennedys Satz und die aktuelle Gefahr für US-Anleihen ist, zumindest kurzfristig, auch eine Chance, die kurzfristig agierende Investoren nutzen können! In Anlehnung an den Bestseller von Emmanuel Todd http://de.wikipedia.org/wiki/Emmanuel_Todd#.E2.80.9EWeltmacht_USA_-_Ein_Nachruf.E2.80.9C  gilt also zunächst erstmal: Weltmacht USA: kein Nachruf.

Was denken Sie? Welche Aspekte gibt es, die im Hinblick auf die USA zuversichtlich stimmen?

 

 

 

Jul 132011
 

Bei der heutigen Anhörung Ben Bernankes vor dem Bankenausschuss des Senats erklärte der Abgeordnete Ron Paul unter anderem, dass sich die Regierung besser auf die Haushalte denn auf die Banken konzentriert hätte. In der letzten seiner 5-minütigen Redezeit wies er darauf hin, dass der Goldpreis heute bei 1.580 Dollar notiere und der Dollar in den vergangenen 3 Jahren 50% abgewertet habe. Dann fragte er Bernanke, ob sich dieser, wenn er morgens aufwache, Gedanken um den Goldpreis mache.

Bernanke antwortete dass Menschen Gold halten, um sich vor wirklich großen Krisen zu schützen. Dann fragte Paul: „Denken Sie Gold ist Geld?“. Nach auffälligem Zögern antwortete Bernanke, dass Gold kein Geld sei, sondern ein Edelmetall. Auf Pauls Hinweis, dass es seit 6.000 Jahren Geld sei, antwortete Bernanke, es sei ein „Vermögenswert“. Paul hakte nach, warum Zentralbanken dann Gold halten, worauf Bernanke entgegnete, es sei eine Form von Reserve. Paul ließ nicht locker und fragte, warum dann nicht etwa Diamanten als Reserven dienten. Bernankes Antwort: „Es ist Tradition“.

Hier das Video:

Mai 232011
 

„USA: Staatsbankrott im August?“ schreibt mmnews.de. Im Artikel heißt es: „Was ist der Unterschied zwischen Griechenland und den USA? Eigentlich kein großer – nur über die USA spricht niemand.“

Beides ist vollkommen falsch. Es wird sehr viel über einen Staatsbankrott der USA „gesprochen“, was eine kurze entsprechende Suchanfrage bei Google zeigt. Und es gibt einen sehr großen und entscheidenden Unterschied zwischen den USA und Griechenland. Die Quintessenz können wir schon vorweg nehmen: die USA können nicht bankrott gehen!

Warren Buffet hat richtig erkannt: „Die USA werden keine Schuldenkrise erfahren, solange wir Schulden in unserer eigenen Währung begeben. Das einzige über das wir besorgt sein müssen ist die Druckerpresse und Inflation.“

Genau das ist der zentrale Unterschied zu Griechenland: die USA sind souveräner Herausgeber ihrer Währung. Ein US-Bankrott ist technisch vollkommen unmöglich, solange der US-Kongress diesen nicht beschließt.

Sicher werden Sie sich denken: „Das ist doch Quatsch! Irgendwann ist die Verschuldung so groß, dass niemand mehr US-Anleihen kauft und dann sind die USA sehr wohl bankrott.“

Nun, dem ist nicht so. Zumindest nicht nach der Argumentation der „Modern Monetary Theory“ (MMT), welche in den USA immer mehr Anhänger findet und deren Ansichten auch wir teilen. Was verbirgt sich dahinter?

MMT ist eine Beschreibung, keine Theorie. Sie bezieht sich ausschließlich auf eine Regierung, deren Währung flexibel handelbar und wo sie allein Herausgeber der Währung ist. Daher finanziert sich eine solche Regierung nicht über Steuer-Einnahmen oder Ausgabe von Schuldtiteln. Es ist genau anders herum: die Regierung muss selbst erst die Währung herausgeben, bevor sie Steuern erheben oder Anleihen begeben kann.

In einem solchen Fiat Money System finanzieren Staatsanleihen nichts – sie dienen lediglich als monetäres Instrument, mit dem die Notenbank die Zinssätze von Übernachtkrediten steuert. Auch die Aussage, China oder Japan finanzieren die USA, ist falsch.

Wir werden die MMT in den nächsten Tagen ausführlich vorstellen, denn der Sturm der Entrüstung dürfte groß sein. Auch wir haben lange gebraucht, um die Theorie und deren Implikationen zu begreifen. Daher auch unser jüngster Hinweis auf Twitter, Dollar zu kaufen.

Abschließend: Wichtig ist die Erkenntnis, dass es in einem Fiat Money System wie oben beschrieben technisch keinen Staatsbankrott der USA geben kann – es sei denn, dieser wird von den Staatsvertretern selbst „beschlossen“. Die einzige Gefahr ist, dass die Regierung mehr Währungseinheiten herausgibt als entsprechend der Produktionskapazität der Wirtschaft erforderlich ist. Dann ist die Folge dieses Inflationsprozesses der Kaufkraftverlust der Währung.

Die USA sind nicht Griechenland. Das Geldsystem der USA ist völlig anders als jenes der EU.