Mai 172013
 

Robert Seawright schreibt in seinem Blog über „FOBOR“, Anleger, die sich gezwungen sehen, aus Anlagenotstand heraus Risiken einzukaufen (FOrced Buyers Of Risk). Ich hatte das Phänomen kürzlich anhand eines Kommentares zu einem BILD-Artikel dargestellt und darauf hingewiesen, dass gerade das Risiko bei Anlageentscheidungen derzeit zu sehr vernachlässigt wird. Genau dazu gibt Seawright ein schönes Beispiel, in dem er eine Meldung von BofA Merrill Lynch zitiert:

„In einer Welt mit Null-Zinssätzen, in der 19,4 Bio. US-Dollar an Staatsanleihen (dies entspricht 48% der Gesamtmarktes) unter 1% gehandelt wird, ist es wenig erstaunlich, dass das „Verlangen nach Rendite“ so groß ist. Letzte Woche bot Ruanda eine 10-jährige Anleihe mit einem Zins von 6,875% an, um 400 Mio. US-Dollar einzunehmen, was 5,5% des Bruttoinlandsproduktes von 2012 entspricht. Das Angebot war 9-10 mal überzeichnet. Und Panama begab erfolgreich mit einem Volumen von 750 Mio. US-Dollar eine 40-jährige Anleihe mit einem 4,3%-Kupon (wozu zu bemerken ist, dass in den letzten 50 Jahren der 30-jährige US-Bonds nur in 20% der Zeit unterhalb von 4,3% gehandelt wurde).“ 

Auch die jüngsten Kommentare auf kaufkraftschutz.de sowie E-Mail-Zuschriften zeigen ganz klar, dass eine gewisse Ratlosigkeit besteht, was man mit seinem Geld tun soll, da es ja wegen der Finanzrepression auf Sparkonten oder bei „sicheren“ Staatsanleihen keine nennenswerte Rendite mehr gibt.

Pragmatisch könnte man zu dem Schluss gelangen, dass es besser ist, sich überhaupt nicht mehr mit der Geldanlage zu befassen und sich stattdessen auf anderes zu konzentrieren. Seit dem jedoch während der Finanzkrise Anleger Geld bei Bank-Pleiten verloren und jüngst in Zypern wieder Teil-Enteignungen stattgefunden haben, gibt es ein verständliches „Unbehagen“, sein Geld einfach auf Bankkonten zu belassen. Hier wäre womöglich der pragmatischste Ansatz, sein Geld abzuheben und bar zu Hause einzulagern. Das Problem dabei ist natürlich die Angst vor Diebstahl, Brand und Inflation. Ergo befassen sich nicht wenige Anleger mit Immobilien, Aktien und weiteren risikobehafteteren Anlagen bis hin zu exotischen Anlagen wie Oldtimern und gänzlich neuen wie Bitcoin. Dies umso mehr, nach dem der traditionell sichere Hafen, die Edelmetalle, jüngst dramatische Preiseinbrüche (ich schreibe bewusst nicht „Werteinbrüche“) erlitten haben.

Wenn man darüber nachdenkt, kommt man zu dem Schluss, dass sich womöglich gerade die größte Anlageblase aller Zeiten entwickelt, in der global alle Märkte und Anlageklassen risikoadjustiert überbewertet sind. Die Frage ist dann nicht, was „günstig“ ist, sondern nur noch, was relativ betrachtet „weniger teuer“ ist. Und dies vor Augen könnten die Aktienkurse noch erhebliches Potenzial haben. Indes gibt es einen Haken und dieser hat es in sich:

Unternehmen haben in erster Linie den Zweck, Produkte und Dienstleistungen zu schaffen, die Nutzen stiften. Der Zweck ist nicht, wie scheinbar viele glauben, Menschen in Beschäftigung zu halten. Und mit einem nie gekannten Maß an Automatisierung und Ersetzen menschlicher Arbeits- und inzwischen auch Denkkraft werden immer weniger Menschen gebraucht. Menschen ohne Arbeit und damit ohne ein höheres Einkommen können jedoch nicht konsumieren und bekommen auch – selbst bei niedrigsten Zinsen – kaum Kredit. Daher werden die Unternehmen auf Dauer weder ihre derzeit außerordentlich hohen Margen noch das Gewinnniveau halten können. Enttäuschungen sind meines Erachtens vorprogrammiert.

Die Inflation sämtlicher Vermögenspreise mag zudem wohlhabendere Teile der Bevölkerungen begünstigen, sie erweitert aber die Kluft zwischen Arm und Reich immer mehr und destabilisiert damit die Gesellschaft. Daher werden Vermögende früher oder später zur Kasse gebeten werden – ganz egal ob durch höhere Steuern, Zwangsabgaben oder wie in Zypern durch teilweise Enteignungen. Es gibt keine Anlageklasse, die Sie davor schützen kann. Die klassische Empfehlung lautet daher: so breit wie möglich streuen.

Auch wenn da durchaus etwas dran ist, so denke ich, dass man sich hier wiederum klar machen muss, dass eine breite Streuung nicht für jeden möglich und dass auch dies mit Kosten verbunden ist. Schaut man sich dann seine Anlagen nach Kosten, nach Steuern, nach Inflation und risikoadjustiert an, kommt man zu sehr ernüchternden Ergebnissen.

Ich glaube daher, dass man auch einem anderen Ansatz nachgehen kann. Diesen nenne ich nutzenorientiertes Investieren. Wenn wir ohnehin kaum Renditen erzielen können, dann sollte das Geld wenigstens den höchsten Nutzen stiften, die „Rendite“ also einen maximalen nicht-finanziellen Teil enthalten, der Sie persönlich zufriedener macht. Das kann bedeuten, dass Sie Ihr Geld zur Anschaffung einer Solaranlage mit Energiespeicher einsetzen – nicht um durch die Energieeinspeisung Renditen zu erzielen, sondern um unabhängiger von öffentlichen Versorgungsnetzen zu werden. Eine weitere Idee: Investieren Sie in Ihr Können. Erlernen Sie einen weiteren „Beruf“, weitere Fertigkeiten. Der Nutzen hieraus kann vielfach höher sein, als ein finanzieller Ertrag und diesen kann Ihnen niemand wegnehmen. Dies gilt übrigens auch für Menschen höheren Alters, sofern der gesundheitliche Zustand es zulässt. „Potenzial“ sehe ich auch in lokalen Investments. Immer mehr Gemeinden ermöglichen es, sich an lokalen Projekten zu beteiligen. Unabhängig vom möglichen Ertrag haben Sie so doch das gute Gefühl, etwas Sinnvolles für die Gemeinschaft mitbewirkt zu haben. Und zuletzt könnten Sie auch einen Teil der Ersparnisse für eine berufliche Auszeit nutzen, in der Sie z.B. eine Weltreise machen und persönlich wachsen.

Nun mag der ein oder andere von Ihnen die Stirn runzeln und sich fragen, ob der Autor wohl gestern Abend zu viel chilenischen Carménère Rotwein verköstigt hat. Dem ist nicht so. Vielmehr sehe ich auf einer übergeordneten Ebene Trends, die nicht mit Fiskal- oder Geldpolitik zu lösen sind und ein vollkommen „neues Denken“ erfordern. Die Idee eines passiven Einkommens durch Erträge aus Finanzgeschäften, gerade auch zur Altersvorsorge, hat sicher Ihre Daseinsberechtigung. Nur muss man der Realität ins Auge sehen. Ich glaube, dass mit dem demografischen Wandel und der zunehmenden Durchdringung der Welt mit Technologie das Konzept eines Generationenvertrages ebenso obsolet geworden ist wie das Modell des ewigen Wirtschaftswachstums. In einer solchen Welt verlieren Anlagen generell an Bedeutung und ich glaube, dass sich in den kommenden zehn Jahren die Welt wie wir sie heute kennen vollständig und dauerhaft verändern wird.

Kaufkraftschutz in einer solchen Phase heißt, strategisch und taktisch klug zu agieren und relative Werte in einer Welt umfassender Vermögenspreisinflation zu identifizieren. Es bedeutet, sehr flexibel zu sein und gängige Thesen in Frage zu stellen. Aber es ist durchaus auch überlegenswert, das „System zu verlassen“, sich nicht unnötig den Kopf über Inflation, Deflation, Repression etc. zu zerbrechen und lokal bzw. in seinem unmittelbaren Umfeld und bei sich selbst Wert zu schaffen und dafür sein Geld einzusetzen.

Was denken Sie?

  7 Responses to “Kaufkraftschutz in Zeiten von Anlagenotstand und Finanzrepression”

  1. Wenn die Maschinen dank künstlicher Intelligenz/Robotik fast 90% der Arbeit und damit der Produktion übernehmen können (auch Ackerbau, Viehzucht, etc.) dann wird es nicht funktionieren, wenn 5% der Bevölkerung 90% der Produktionsmittel gehören. Langfristig laufen wir dann auf eine Gesellschaftsform, ähnlich Star Treck hin. Besitz oder Reichtum ist dann nicht mehr entscheidend, weil ich mir eh alles am „Replikator“ holen kann. ;-)
    Nein, ich habe gestern auch nicht zu viel Rotwein getrunken… Menschenleere Fabriken und autonom fahrende Tracktoren sind schon heute keine ferne Zukunftsvision mehr. Car-, Home-, Bikesharing zeigt ja auch, dass die neue Generation sich nicht unbedingt Besitz ans Bein binden will.

    Ich bin liberalwirtschaftlich eingestellt und die meisten Linken halte ich für ignorante Träumer, aber geht die aktuelle technologische Entwicklung so weiter, dann wird es vermutlich dann (wenn keiner mehr arbeiten „muss“) auch sowas wie ein bedingungsloses Grundeinkommen geben, was im Moment nur zu einer hohen Inflationen führen würde. Bei der Rente haben wir das ja schon heute für einen größeren Teil der Bevölkerung geschafft… Wenn Maschinen dann auch noch optimal die Produktion planen (ja: Planwirtschaft!) können (Neuronale Netze können heute schon ziemlich genau den zukünftigen Verbrauch der Bevölkerung von z.B. Strom vorhersagen) und das notwendige produzieren, dann läuft es letztendlich auf die Träume der Sozialisten hinaus, dass die Produktionsmittel dem Staat bzw. Volk gehören müssen!
    Das Ganze wird nicht von heute auf morgen passieren aber sicherlich über die nächsten 50 Jahre. Dann wird es oben beschrieben sicherlich zu Verteilungskämpfen kommen.

    Die gute Nachricht ist: Wenn ab 2060 die Bevölkerung tendenziell zurückgeht, Recycling zu 95% funktioniert, grüne Energie so gut wie kostenlos und reichlich vorhanden ist, Maschinen rund um die Uhr alles mögliche produzieren können, dann könnte der Welt eine gar nicht mal so schlechte Zukunft ins Haus stehen. Im Prinzip bedeutet das dann ewige Deflation und es müsste dann keiner mehr arm sein…

  2. Danke für den tollen Artikel (und natürlich auch für Ihre sonstige Arbeit in Ihrem Weblog)!

  3. David Einhorn mit einigen guten Überlegungen zu den Folgen von QE, den Risiken die Investoren eingehen und auch einigen guten Anlageideen:

    http://www.youtube.com/watch?v=_iNgHOhhzug&feature=player_embedded

    Interessant ist vor allem sein Hinweis, dass man mit Anleihen weniger verliert als mit einer Immobilie, sollten die Zinsen steigen. Ich glaube, das haben viele nicht wirklich verstanden.

  4. Guten Abend. Ich habe meine Ersparnisse auf Gold/Silber,Aktien,Wohnung (im Ausland ca 35000€),Bargeld aufgeteilt. Wenn Aktien noch steigen sollten,werde ich immer mehr verkaufen. Dann eher Gold zukaufen. Es bleibt ein Risiko von Enteignung ,Entwertung. Deshalb habe ich auch seit ca 2 Jahren begonnen meiner im Ausland lebenden Tochter mehr zu gönnen,im Sinnedes letzten Absatzes Von Kaufkraftschutz.Der „Feind „ist mächtig. Sinnvolle Investition sehe ich auch noch in dem Bereich,in dem man arbeitet,wenn möglich(Neueste Werkzeuge,neueres Auto,Fortbildung..)Es bleibt schwierig,aber auch spannend. Ich runzle also nicht die Stirn,sondern verstehe das Umdenken oder Nachdenken. Ich hatte noch nie einen Kredit(vielleicht falsch in diesem Wahnsinnssystem?Habe heute gelesen,dass man schon nach 3 Jahren mit der Privatinsolvenz durch sein kann…),aber genau wie von Kaufkraftschutz geschrieben hat versuche ich,dass ich mich bei meinen Entscheidungen auch wohlfühle und gut schlafe. Alles Gute

  5. In dem Kontext immer wieder lesenswert:

    http://www.kaufkraftschutz.de/vom-besten-investment-der-welt/397

    Die Frage ist: was sind die zentralen Leitmotive eines jeden einzelnen von Ihnen? Das ist eine extrem schwer zu beantwortende Frage und ich bin sehr dankbar für Inspiration, darauf eigene Antworten zu finden.

  6. Die WiWo mit einem Beitrag, der schön hier hin passt (allein schon wegen der Überschrift):

    Wohin mit dem Geld?Nie wieder Sparbuch!

    Anleger haben derzeit Billionen auf Giro- und Tagesgeldkonten geparkt. Dabei liegen die Zinsen dafür vielfach unter der Inflationsrate und es gibt interessante Alternativen. Welche Fonds für konservative Anleger taugen.

    http://www.wiwo.de/finanzen/geldanlage/wohin-mit-dem-geld-nie-wieder-sparbuch/8232398.html

  7. Aus meinem Beitrag oben: „Wenn man darüber nachdenkt, kommt man zu dem Schluss, dass sich womöglich gerade die größte Anlageblase aller Zeiten entwickelt, in der global alle Märkte und Anlageklassen risikoadjustiert überbewertet sind.“

    Bill Gross nun mit einer ähnlichen Aussage: „Wir sehen überall Blasen“ Und weiter: „Irgendwann werde es Rückschläge geben, aber diese müssten nicht solche Ausmaße wie 2008 annehmen – aber es wäre das Ende der Bullenmärkte, „nicht nur bei Obligationen, sondern auch bei Aktien und Immobilien“

    http://www.fondsprofessionell.de/news/news-products/nid/pimco-chef-gross-quotwir-sehen-ueberall-blasenquot/gid/1009842/ref/2/

    So ist es.

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